Foucault beobachtet seit Mitte des 18

Foucault beobachtet seit Mitte des 18. Jahrhundert neben der Disziplinarmacht auch die Entwicklung eines zweiten Machttypus, der Bio-Macht. Disziplinarmacht und Bio-Macht bilden die zwei Polen der Biopolitik, die nach Foucault ein Kernelement des modernen Staates ist.1 Dabei geht es nicht um zwei gegensätzlichen Machtformen, vielmehr ergänzen sie sich, benutzen verschiedene Techniken und Instrumente und operieren auf verschiedenen Ebenen. Die Bio-Macht operiert auf der Makro- und nicht auf der Mikroebene, wie die Disziplinarmacht. Die Disziplinarmacht befasst sich mit dem individuellen Körper. Die Bio-Macht befasst sich mit dem kollektiven Körper, die Bevölkerung. als einen neuen Körper, „eine(n) multiple(n) mit zahlreichen Köpfen”2. Dabei wird das Leben zum Zielobjekt der Machtausübung. Die Aufrechterhaltung des Lebens sowie das Konzept der Bevölkerung, und deren Wachstum und Gesundheit werden zu zentralen Angelegenheiten des Staates in der nun entstehenden Bio-Politik “der menschlichen Gattung”3. Die Machttechniken und Machtmechanismen ,die zu diesen Zwecken verwendet werden, sind in erster Linie statistische Bewertungen, globale Messungen und die Medizin, die sich für die Sterblichkeits- und Geburtenrate, die Fortpflanzung, die Fruchtbarkeit, die Krankheitshäufigkeit, die Ernährung, die Wohnverhältnisse, die Hygiene, den Warenverkehr usw. interessieren. „Es geht insbesondere darum, Regulationsmechanismen einzuführen, die in dieser globalen Bevölkerung mit ihrem Zufallsfaktor ein Gleichgewicht herstellen.”4Das Leben soll optimiert werden, indem Sicherheitsmechanismen gegen Zufälligkeiten wie z.B. Krankheiten errichtet werden, sonst erweisen die sich

„als permanente Faktoren des Entzugs von Kräften, der Verminderung, des Schwindens der Energien, als ökonomische Kostenfaktoren, und zwar ebenso sehr auf Grund des Produktionsausfalls wie auf Grund der Pflege, die sie kosten können.” 5

We Will Write a Custom Essay Specifically
For You For Only $13.90/page!


order now

Die Sexualität ist ein Beispiel für diese Wechselwirkung zwischen den beiden Machttypen, da sie nach Foucault „genau an der Kreuzung von Körper und Bevölkerung (steht, deswegen) gehört sie zur Disziplin, zugleich gehört sie aber zur Regulierung.”6Offensichtlich wird bei der Biopolitik eine Verschränkung des Politischen und des Biologischen.

„Die biologische Modernitätsschwelle einer Gesellschaft liegt dort, wo es in ihren politischen Strategien um die Existenz der Gattung selber geht. Jahrtausende hindurch ist der Mensch das geblieben, was er für Aristoteles war: ein lebendes Tier, das auch einer politischen Existenz fähig ist. Der moderne Mensch ist ein Tier, in dessen Politik sein Leben als Lebewesen auf dem Spiel steht.”7

Das Aufkommen der Human- und Sozialwissenschaften und mit sich die „wissenschaftliche” empirische Untersuchung von geschichtlichen, geographischen und demographischen Bedingungen bieten das von den Staaten zum Zwecke der Regierung benötigte administrative Wissen an. Statistik, Tabellierung und Demographie tragen zur Verwandlung des biopolitischen Macht-Wissens-Komplexes bei, zu einem „Transfromationsagenten menschlichen Lebens”8.Zentrale Rolle spielt die Medizin. Foucault versteht sie als „ein Macht-Wissen, das sich zugleich auf den Körper und auf die Bevölkerung richtet, auf den Organismus und auf die biologischen Prozesse. Sie wird folglich disziplinäre und regulierende Effekte aufweisen”9.

Auf der einen Seite bezweckt die Bio-Macht „die Maximalisierung des Lebens”10 und ist in erster Linie produktiv. Auf der anderen Seite sieht Foucault auch den Grund für Rassismus, Eugenik darin, dass die oben genannten Techniken der Bio-Macht das Leben vor „biologischen Gefahren” schützen sollen. Rassismus ist ein Beispiel dafür, wie moderne Staaten der Todesmacht bedienen können. „Das Nebeneinander oder vielmehr das Funktionieren der alten souveränen Macht des Rechts über den Tod durch die Bio-Macht bringt es mit sich, daß der Rassismus erneut funktioniert, erneut zum Einsatz gebracht wird und aktiv sein kann.”11 Es wäre also falsch davon auszugehen, dass die souveräne Macht über den Tod von der Bio-Macht komplett abgelöst wurde. Die alte souveräne Macht bestand nach Foucault darin „sterben zu machen, oder leben zu lassen”12, die moderne Bio-Macht hingegen im Recht „leben zu machen und sterben zu lassen”. Foucault geht es hauptsächlich um die Wie-Frage, wie funktioniert das Töten in der Moderne?

„Wie kann eine solche Macht töten, wenn es stimmt, daß es im wesentlichen darum geht, das Leben aufzuwerten, seine Dauer zu verlängern, seine Möglichkeiten zu vervielfachen, Unfälle fern zu halten oder seine Mängel zu kompensieren? … Wie kann diese Macht, die wesentlich die Hervorbringung von Leben zum Ziel hat, sterben lassen? Wie kann man die Macht des Todes, wie kann man die Funktion des Todes in einem rund um die Bio-Macht zentrierten politischen System ausüben?”13

Giorgio Agamben bemerkt, dass das Leben, dessen Tötbarkeit immer die Verbindung zur Macht hergestellt hat, schon immer das Hauptanliegen der Macht war, folglich war die souveräne Macht schon immer Bio-Macht. Er sieht einen „blinde(n) Fleck im Gesichtsfeld des Forschers”14 und seine Ausführungen durch seine „Homo Sacer Trilogie” sind ein Versuch Foucault zu Ende zu denken. Seine zentrale These lautet:

„Man kann sogar sagen, daß die Produktion eines biopolitischen Körpers die ursprüngliche Leistung der souveränen Macht ist. In diesem Sinn ist die Bio-Politik mindestens so alt wie die souveräne Ausnahme. Indem der moderne Staat das biologische Leben ins Zentrum seines Kalküls rückt, bringt er bloß das geheime Band wieder ans Licht, das die Macht an das nackte Leben bindet ….”15

Die Entscheidung über das nackte Leben, als ein verbleibender Rest nach Abzug aller Formen, die das Wesen der Souveränität nach Agamben ausmacht, verschiebt sich durch die Bio-Politik und breitet sich aus, “über die Grenze des Ausnahmezustands”16 hinaus.

„Wenn es in jedem modernen Staat eine Linie gibt, die den Punkt bezeichnet, an dem die Entscheidung über das Leben zur Entscheidung über den Tod und die Bio-Politik somit zur Thanato-Politik17wird, dann erweist sich diese Linie heute nicht mehr als feste Grenze, die zwei klar unterschiedene Bereiche trennt.”18

Diese neuartige Einschreibung des bloßen nackten Lebens in die juridisch-politische Ordnung der modernen Staaten erfolgt nach Agamben mit der Erklärung der Menschenrechte im Zuge der französischen Revolution und der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung. Die Menschenrechtsproblematik fängt mit der doppelten Rolle der Geburt an. Der Grundsatz der Menschenrechte, nämlich , dass alle Menschen freigeboren sind, wird von Anfang an dadurch eingeschränkt, dass die Geburt zugleich das Kriterium zur Angehörigkeit in einer Nation und dadurch zur Einbettung in die juridisch-politische Ordnung des Nationalstaates darstellt. Bis heute entscheidet entweder das „ius-sanguinis” (Blutverwandtschaft) oder das „ius-solis” (Geburtsort) über die Staatsangehörigkeit. In der entstehenden Figur des Bürgers vermischen sich das nackte Leben und das Prinzipo der Souveränität.19 Die Wurzel des Problems liegt in der Illusion, dass es zwischen Mensch und Bürger keinen Abstand geben kann. Das Prinzip dabei, das Menschliche vom nicht-Menschlichen, den Bürger vom bloßen Menschen zu trennen ist jedoch älter. Die moderne Differenzierung zwischen Mensch und Staatsbürger ist das Äquivalent der antiken Differenzierung zwischen zoe und bios. Aristoteles definiert den Menschen als „zoon politikon”, was als „politisches Tier” übersetzt werden kann. Dabei orientiert sich dieser Begriff nach Agamben eher an bios als an zoe. Mit bios wird im altgriechischen ein qualifiziertes Leben, eine Lebensform gemeint, wie zum Beispiel das politische Leben. Zoe bedeutet im Gegensatz das einfache Lebendigsein, was auch Tieren zukommt. Zoe könnte in der Antike niemals Gegenstand der Politik in der polis sein, das war eine Angelegenheit der Privatsphäre, des oikos.20 Agamben lehnt sich auch an Hannah Ahrendt, um das Problem der Koppelung der Menschenrechte an die Staatsbürgerschaftsrechte aufzuweisen: „Im System des Nationalstaates erweisen sich die sogenannten heiligen und unveräußerlichen Menschenrechte , sobald sie nicht als Rechte des Staatsbürgers zu handhaben sind, als bar allen Schutzes.”21

x

Hi!
I'm Mia

Would you like to get a custom essay? How about receiving a customized one?

Check it out